Ein Tiroler Biotechunternehmer arbeitet an einer ausgefuchsten Methode, um die Erfolgsquote bei der künstlichen Befruchtung zu verbessern. Grundlage sind jene Substanzen, die Embryonen ab ihrer ersten Zellteilung produzieren
Hans Dieplinger will möglichst vielen ungewollt kinderlosen Paaren zu einem Baby verhelfen. Deshalb hat der Innsbrucker Biochemiker vor zwei Jahren mit der Entwicklung eines Verfahrens begonnen, das die Erfolgsquote bei der künstlichen Befruchtung dramatisch erhöhen soll. Neuere Erkenntnisse über die frühesten Entwicklungsstadien einer befruchteten Eizelle sowie moderne biotechnologische Messverfahren, mit denen sich selbst kleinste Substanzmengen analysieren lassen, sollen das ermöglichen. "Die Grundlagenforschung für unseren Ansatz ist sehr viel versprechend verlaufen und nahezu abgeschlossen", so Dieplinger. "Schon im kommenden Jahr wollen wir mit ersten klinischen Tests beginnen."
Für die Verwirklichung seiner Idee hat er vor vier Jahren die Vitateq Biotechnologie GmbH gegründet, seit Anfang des Jahres ist die Firma Forschungspartner im Kompetenzzentrum Medizin Tirol (KMT), das innovative Unternehmer auf dem Weg von der Idee zur Marktreife ihrer Produkte unterstützt und fördert.
Die Marktchancen für das neue Verfahren wären beachtlich, schließlich sind immer mehr Paare bei der Zeugung ihrer Kindern auf ärztliche Hilfe angewiesen. Doch trotz vieler Fortschritte bleibt die dabei angewendete Methode der In-vitro-Fertilisation (IvF) für viele Frauen eine belastende und sogar quälende Prozedur: Die Patientinnen müssen zunächst Hormonpräparate schlucken, wenig später werden ihnen mehrere Eizellen entnommen und in Reagenzgläsern befruchtet. Jetzt wählt der Arzt aus, welche der so gezeugten Embryonen die besten Chancen haben, um zu einer erfolgreichen Schwangerschaft zu führen. Nur diese Embryonen werden letztlich auch eingepflanzt.
Auswahlverfahren
Noch passiert diese Auswahl mithilfe eines einfachen Mikroskops. Damit beobachtet der Arzt, ob sich die Zellen in der richtigen Geschwindigkeit geteilt haben, ob der Zellhaufen symmetrisch aufgebaut ist, und ob er bereits in seinem Inneren einen Hohlraum ausgebildet hat. Eingehendere Untersuchungen des Embryos, etwa durch einen Gentest des Embryos sind in Österreich vom Fortpflanzungsmedizingesetz derzeit verboten (siehe Kasten).
Dennoch beobachten die Mediziner immer wieder, dass scheinbar gesunde Embryonen von der Gebärmutter abgestoßen werden. Nicht zuletzt liegt die Erfolgsrate selbst der besten einschlägigen Kliniken bei gerade einmal 40 Prozent. Und deshalb müssen viele Frauen den anstrengenden Zyklus mehrmals durchlaufen um wirklich schwanger zu werden.
Präzision gesucht
Der Biotechunternehmer Dieplinger hat nun vor, die "fast schon mittelalterlich anmutende Methode" der Embryonenauswahl durch eine weitaus präzisere zu ersetzen. Er will jene Substanzen untersuchen, die von den Embryonen bereits ab ihrer ersten Zellteilung im Reagenzglas produziert werden. Daraus will er Rückschlüsse auf die Qualität des frühen Embryos ziehen und damit sicherstellen, dass nur wirklich aussichtsreiche Kandidaten eingepflanzt werden. "Damit könnten wir die Erfolgsquote deutlich erhöhen und den Patientinnen die Wiederholung der Versuche ersparen", so Dieplinger.
Derzeit versucht Dieplinger herauszubekommen, welche Merkmale sich als Indikatoren für eine günstige oder ungünstige Prognose eignen. "Wenn ich sehe, dass ein Embryo, der sich später gut weiterentwickelt hat, im Reagenzglas eine bestimmte Substanz in einer bestimmten Konzentration produziert hat, dann kann ich dieses Wissen für eine exakte Diagnose verwenden", so Dieplinger. Umgekehrt sucht er auch charakteristische Substanzen, die von später abgestoßenen Embryonen produziert worden sind.
Daten und Proben bekommt er dazu vom Wiener Privatkrankenhaus Goldenes Kreuz und von der Universitätsklinik für Gynäkologie in Innsbruck.
Kopie der Natur
Andreas Obruca, IvF-Spezialist im Wiener Goldenen Kreuz, sieht in der Idee einen "eleganten Ansatz". Schließlich sei das Verfahren ja eigentlich nur eine Kopie dessen, was auch in der Natur passiert. "Die Gebärmutterschleimhaut entscheidet auch anhand dessen, was ein Embryo produziert, darüber, ob der sich einnisten und weiterentwickeln darf oder ob er abgestoßen wird."
Quelle: DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 7. 2004