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Ein langer, trauriger Abschiedsbrief

  • Rom.y
  • 21. Mai 2005 um 10:25
  • Rom.y
    8-Zeller
    Beiträge
    113
    • 21. Mai 2005 um 10:25
    • #1

    Ich muss heute mein Unglück hier abladen. Ich weiß leider wieder mal, dass es nichts wird, und diesmal endgültig. Leider gehöre ich zu den Frauen, die unmittelbar nach dem Transfer Symptome kriegen, und das ist nicht zu „übermerken“ – die Gebärmutter regt sich deutlich, kontrahiert, zieht, und ich kann sie in ihrer Form gut wahrnehmen, weil sie irgendwie ausstrahlt. Es zieht auch in den Eierstöcken und ein bestimmter Bauchschmerz tritt auf. Sehr schnell melden sich auch die Brüste, zunächst mit kleinen Funkimpulsen innendrin, dann beginnen sie weh zu tun.

    Das war bei den letzten 5 Transferen jedes Mal so, unterschiedlich stark. Einmal so intensiv und deutlich, dass nach 3 Tagen bereits die Brustwarzen dunkel und hart waren, und die obere Busenhälfte deutlich stärker gepolstert und gerundet, als sie es normalerweise ist, und mir bereits den ganzen Tag übel war… Da konnte man das sogar schon gut sehen, von außen. Mein Mann hat nur gestaunt. Es ist auch wirklich verrückt, ich weiß.

    Und entweder kam dann die brutale Reaktion, die mich mit niederhaute, oder es schlief sanft ein, wie dieses Mal. Die ersten beiden Tage ein eindeutiges positiv, dann begann es zu schwinden. Am Tag 5, gestern, war wieder eindeutig Grabesstille in mir drin; die Gebärmutter wieder zurückgetreten in das normale Schweigen der Organe; der Busen wieder ruhig. Der Kopf nüchterner, ohne den leichten Weichzeichner der ersten Tage, ohne das Gefühl der „aufsteigenden Säfte“…Das ist leider alles ziemlich eindeutig, ich kenne das diese Gefühle nur zu gut.

    Das Globulin hat also bei mir nicht gewirkt. Ich habe 2 Tage lang gemerkt, dass das Immunsystem auf dem Plan war; der Herzschlag war härter als sonst und ich fühlte mich, als wäre eine Erkältung im Anzug oder so was. Ich habe mittlerweile gelernt, das Gefühl zu identifizieren, wenn mein Immunsystem aktiv wird. Das war jetzt wohl die globulinmäßig abgemilderte Variante, aber für die zarten kleinen Wesen hat es anscheined immer noch gereicht.

    Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie bitter mich die Tage bis zum Test dann ankommen. Diese Farce noch durchstehen zu müssen. Gott sei Dank reicht dieses Mal ein Urintest. Beim Blutabnehmen zu sitzen, meist weinend, und meine Nicht-Schwangerschaft ebenso deutlich zu spüren wie die „Schwangerschaft“ der ersten Tage--- das waren mit die schlimmsten Momente meines Lebens.

    Jetzt heißt es wohl Abschied nehmen vom Kinderwunsch. Nach 7 Jahren Kinderwunschbehandlung, denen 7 Jahre „den Mann bequatschen“ vorangingen – den ich vom erbitterten Kinderablehner immerhin dazu brachte, dass er nun selber leidet wie ein Hund. Nach wer weiß wie vielen Operationen auf beiden Seiten, 8 ICSI/IVF/EZS-Versuchen, eimerweise Tränen, 2 regelmäßigen schweren psychischen Krisen pro Jahr und komplett auf KiWu-Versuche abgestelltem Lebens- und Jahresrhythmus… Abschied nehmen von dem einzigen, was mir für mein Leben ganz klar war: das ich einmal Kinder haben würde. Ich bin eine von den „geborenen Müttern“, Kinderwagen-Guckerin von Kindesbeinen auf, immer diejenige, die mit den Kindern „kann“, auch mit schwierigen… Ich bin von häuslichem Naturell, mit Talent für den Alltag, gesegnet mit einem nichts weniger als perfekten Ehemann, der auch einen perfekten Vater abgegeben hätte. Wir wären gute Eltern geworden. Das muss reichen.

    Wie mein Mann es einmal ausgedrückt hat: „Ein Kind hätte es gut bei uns. Wir machen immer so viele Witze!“

    Aber nun ist einfach definitiv das Ende der Fahnenstange erreicht, alles versucht, was irgend Erfolg versprach. Mein Immunsystem lässt einfach kein Fremdgewebe in mir zu. Da kann die innere Wiege noch so weich ausgepolstert sein - an diesem Wächter ist anscheinend kein Vorbeikommen. Das muss ich wohl akzeptieren. Nein, akzeptieren werde ich das nie. ES IST EINE SCHANDE, DASS ICH KEINE KINDER BEKOMMEN KANN!!! Ich werde es bestenfalls hinnehmen, mich irgendwie dran gewöhnen, das Beste draus machen. An diejenigen denken, die aus anderen Dingen das Beste machen müssen – aus einem Leben als Single, gesundheitlichen Einschränkungen, dem Verlust eines lieben Menschen, Fehlentscheidungen im Leben. Wenn man genau hinsieht, sind das nicht wenige. Trotzdem, es schmerzt: Von 12 ungewollt kinderlosen Paaren, die wir einmal kannten, sind wir die einzigen, die übrig geblieben sind.


    Nun, auch das ist ein Aspekt der Kinderwunschbehandlung - ob er hierher gehört, weiß ich nicht - aber "wann ist Schluss" - den Punkt darf man nicht verpassen, glaube ich. Eine Kinderwunschbehandlung bietet glaube ich auch eine gewisse Suchtgefahr.

    Das wollte ich doch mal gesagt haben.

    Rom.y

  • ENIA
    Gast
    • 21. Mai 2005 um 11:45
    • #2

    Ein langer, trauriger Abschiedsbrief

    Liebe Rom.y,

    es tut mir alles so leid, für Euch. Mir fehlen zum Trost, leider die Worte.

    Ich stimme Dir vollkommen zu, dass die Kinderwunschbehandlung einen hohen Suchtfaktor haben kann. Diese Frage habe ich mir im Vorfeld meiner Behandlung, selber gestellt.

    Wann hört man auf? Sucht man immer weiter? Rennt man auch im Ausland von Klinik zu Klinik? Dreht sich fast das ganze Leben nur um ein und das selbe Thema?

    Vielleicht könnt ihr nach einer Pause zu einer "Alternative" kommen? Adoption oder Pflegekind? Soweit ich weiß, sucht das Landesjugendamt gerade für schwierige Kinder, laufend Pflegeeltern.

    Ich hoffe, ich bin nicht anmaßend, wegen der "Alternative", dies ist überhaupt nicht meine Absicht. Für mich war dies ein anderer Weg. Seitdem ich die Pflegeerlaubnis für ein Kind habe, und das LA sucht, bin ich doch etwas ruhiger und gelassener geworden.

    Ich wünsche Dir alles, alles Gute, Enia.

  • Trilli
    2-Zeller
    Beiträge
    18
    • 21. Mai 2005 um 22:01
    • #3

    Ein langer, trauriger Abschiedsbrief

    Liebe Rom.y,

    es tut mir so leid, wie traurig du bist. Ich bin auch eine, die schon in der Kindheit zu sämtlichen Nachbarskindern gerannt ist und Babysitten wollte. Ich habe zwar mit 24 ein Baby unplanmäßig bekommen, aber was ist eines, wenn man sich ein halbes Dutzend wünscht? Nach unseren 2 fehlgeschlagenen ICSIs wollte ich endlich einen Weg gehen, wo das Warten und Hoffen 100% belohnt wird, und dieser Weg ist die Adoption. Jetzt, wo ich schon mal 3 Kinder habe, wäre ein weiteres durch EZS zwar sehr schön, aber mein Glück hängt nicht mehr davon ab. Wenn ich nochmal adoptieren würde ( leider finanziell z.Z. nicht möglich) würde ich aus Südafrika adoptieren. Dort sind die Kinder noch sehr klein ( ab 2 Monate), der Adoptionsweg ist sicher ( d.h. am Ende der Wartezeit wirst du auch wirklich mit einem Kind " belohnt"), und obendrein tut man noch ein " gutes Werk". Diese Kinder sind wirklich verlassen und brauchen Eltern! Informier dich doch mal im Internet, du kannst mir auch eine PN schicken, bin aber erst am 29.05. wieder daheim. Ach ja, ich weiß nicht wie alt ihr seid, aber in Afrika bekommen auch ältere Bewerber bis 45 ein kleines Kind.
    Liebe Rom.y, bitte verzweifel nicht, jedes Ende hat auch einen neuen Anfang! Ich wünsche euch alles Gute und würde mich echt freuen, wenn du dich mal melden würdest.
    Lieber Gruß von Trilli.

  • cladie
    8-Zeller
    Beiträge
    112
    • 22. Mai 2005 um 11:47
    • #4

    Ein langer, trauriger Abschiedsbrief

    Liebe Rom.y,

    mir fehlen die Worte, sei unendlich gedrückt. Im Moment laufen mir die Tränen nur so herunter, ich kann so gut mir Dir mitfühlen. Du mußt jetzt stark sein, so ein Mensch wie Du, der so viele Höhen und Tiefen durchlebt hat, der schafft das !!

    Alles, alles Liebe
    Cladie

  • Rom.y
    8-Zeller
    Beiträge
    113
    • 23. Mai 2005 um 09:36
    • #5

    Ein langer, trauriger Abschiedsbrief

    Ich danke dir für eure lieben und guten Worte.
    Es tut mir gut.

    Es hilft, damit einigermaßen offen umzugehen. An einer Kinderwunschbehandlung kann man auch gut verrückt werden. Diese elementare Sehnsucht, dem tiefsten Kern unseres Frauseins entspringend, mit der man auf so unmittelbare Art und Weise konfrontiert wird - das kann einen um den Verstand bringen.

    Rom.y

  • Josi
    Morula
    Beiträge
    596
    • 23. Mai 2005 um 21:29
    • #6

    Ein langer, trauriger Abschiedsbrief

    Liebe Rom.y,

    ein paar Zeilen muß ich dir schreiben, auch wenn es dir nicht das geringste nutzen wird. Ich sitze vorm Bildschirm ,und mir kullern die Tränen nur so runter. Es liegt an deiner erschütternden Geschichte, an deiner Fähigkeit, das alles mit Worten auszudrücken - und daran, das mir viele deiner Gedanken und Beweggründe und Erfahrungen so vertraut vorkommen. Die vielen Jahre der Kinderwunschbehandlungen- Verzweiflung, Nöte und Hoffnung - gehen an keinem, der in dieser Mühle gelebt hat, spurlos vorbei. Egal, wie es ausgeht, ob es ein glückliches Ende gibt, oder eben leider nicht - man wird nie mehr derselbe Mensch sein. Du scheinst ein außergewöhnlich mutiger und tapferer Mensch zu sein - ich wünsch dir alles alles Gute.

    Josi

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